Deutschland im Herbst oder wie der (gruppenbezogenen) Menschenfeindlichkeit im schulischen Kontext entgegentreten?

Der Hass ist zurück auf den Straßen und ein großer Mob spendet Beifall. Wer sehen möchte, wie am 9 November Progrome möglich waren und wer dabei war, der kann dieser Tage einen Eindruck gewinnen. So sieht es aus, wenn vermeintlich gutbürgerliche Mitmenschen Applaus klatschen, wenn der rhetorische Boden für Brandanschläge und Angriffe auf alles vermeintlich nicht-deutsche bereitet wird. Auch Schüler*innen haben solche Meinungen oder transportieren unhinterfragt die menschenfeindlichen Aussagen ihres sozialen Umfeldes. Von „Die Juden sind Herrscher der Banken“ bis zu „Die haben doch Smartphones, den kann es nicht schlecht gehen!“ werden menschenfeindliche Aussagen an den Schulen durch Schüler*innen kommuniziert. Auf Nachfrage wird sogar schon reagiert, wie es die Verschwörungstheoretiker und Pegida vormachen: jemandem aus dem System glaubt man sowieso nichts. Rollladen runter. Was also tun, wie pädagogisch vorgehen? Wie können Schüler*innen befähigt werden sich für Menschlichkeit einzusetzen, wider dem Narziss und dem Egoismus, der die menschenfeindlichen Einstellungen erst richtig befeuert?

„Neben Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und der Abwertung von Menschen, die Asyl suchen oder Sinti und Roma angehören, umfasst das Konzept der gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit (durch Autor hinzugefügt) auch die Abwertung von Menschen mit religiösen Überzeugungen wie das Judentum und den Islam, also Antisemitismus und Islamfeindlichkeit. Einbezogen ist auch die Herabsetzung von Menschen mit anderem Geschlecht oder einer anderen sexuellen Orientierung sowie von Menschen, die obdachlos oder arbeitslos sind. Daneben umfasst das Konzept auch ganz allgemein die Abwertung von allen, die neu hinzugekommen sind, also Etabliertenvorrechte als Prototyp des Vorurteils.“ (Quelle: http://www.bpb.de/apuz/130404/von-der-ungleichwertigkeit-zur-ungleichheit-gruppenbezogene-menschenfeindlichkeit?p=all )

Eine Maßnahme ist m.E. nach der konsequente Ausbau der SMV-Arbeit. Ist doch die SMV das schulgesetzlich verankerte Gremium, welches die Demokratiemündigkeit zum Ziel hat. Im Rahmen der SMV-Arbeit ist es möglich, die Schüler*innen zu sensibilisieren, sie zu mündigen kritischen Bürger*innen zu erziehen. Natürlich ist diese Arbeit nicht das Allheilmittel, aber sie ist ein wichtiger Baustein. Umso schlimmer, das viele Kolleg*innen vom Arbeitsalltag so vereinnahmt werden, dass die SMV-Arbeit nicht so konsequent gemacht wird, wie es zwingend notwendig wäre, um nachhaltig positiv auf die Schüler*innen einzuwirken. Es ist die Summe der positiven Erfahrungen, die die Entwicklung der Schüler*innen in die richtige, in die demokratische Richtung lenken kann. Auch kann das demokratische Klima an einer Schule durch die ehrenamtliche Arbeit der SMV positiv gestaltet und beeinflusst werden.

Der pädagogische Diskurs in der Schule spielt eine große Rolle. Teilen unter Umständen Kolleg*innen undefinierbare Ängste um ihre eigene Zukunft, um den Frieden im Volke? Wenn ein Kollegium der Querschnitt der Gesellschaft ist, dann sind unter zehn Kolleg*innen mindestens zwei bis drei Personen mit verschiendenen menschenfeindlichen Einstellungen. Das ist fürwahr beachtenswert. So liegt es an uns, den engagierten Demokrat*innen, uns einzubringen, zu thematisieren, ausgrenzende Sprüche über Schüler*innen eben nicht mit kollegialem Lächeln zu bedienen, sondern zu widersprechen. Der Einsatz für eine freie Gesellschaft ohne Rassismus, Sexismus oder Antiziganismus findet jeden Tag statt, direkt vor der Haustür, im Büro, im Lehrerzimmer.

Und eben auch im Unterricht. Jeder Spruch eines Schüler, der sich auf Kosten Anderer groß macht. Das leise gezischte „Jude“, jedes laut über den Pausenhof gerufene „schwule Sau“ ist ein Aufruf an uns. Der Aufruf einzustehen für die Menschenrechte, für Freiheit und Gleichheit. Es ist anstrengend, insbesondere an einer Haupt-, Volks- oder Werkrealschule, an denen menschenfeindliches Verhalten von Schüler*innen vermehrt beobachtet wird (so die Ausführungen von Kolleg*innen), sich einzusetzen. Es ist aufreibend sich im Unterricht, fernab des durchzunehmenden Stoffes, auf menschenfeindliche Äußerungen zu reagieren. Aber wir dürfen sie nicht stehen lassen, sie bilden den Nährboden – den Nährboden für das, was derzeit im Dunkeln auf deutschen Straßen stattfindet und wofür ich mich aus tiefstem Herzen schäme. Somit gilt festzustellen, dass Störungen Vorrang haben. Insbesondere die, die sich gegen die Menschlichkeit richten. Es gilt sofortiges Thematisieren, entweder ein Verbot auszusprechen,ein Gespräch vor der Tür zu führen, eine Erklärung vor der Klasse mit Fakten oder ein gezieltes Nachfragen. Welche Methode zu welchem Lehrer passt, das sei euch selbst überlassen. Wer sich unsicher fühlt, wenn er daran denkt mit Fakten zu argumentieren, der bereite sich auf eine solche Konfrontation vor. Es ist wichtig, das Heft des Handelns nicht aus der Hand zu geben. Fragen Sie gezielt nach. Woher weißt du das? Weißt du das genau? Nutzen Sie gerne auch Ironie, fein gestreut kann sie entlarvend wirken.
Machen Sie klar, dass menschenfeindliche Aussagen in einer öffentlichen Schule nichts zu suchen haben. Sie bestimmen ob und wie diskutiert wird. Es gilt im Zweifelsfall, dass menschenfeindliche Aussagen nicht diskutiert werden.

Also ist das persönliche Verhalten in- und außerhalb des Dienst, im Unterricht und im Lehrerzimmer als präventive Maßnahme zu verstehen. Als Rollenmodell für die Schüler*innen ist es immens wichtig Position zu beziehen. Die SMV-Arbeit muss gefördert und ausgebaut werden. Und zu guter Letzt ist die Schule als gesamte Institution gefragt. Eine sehr gute Maßnahme ist es eine „Schule ohne Rassismus“ (www.schule-ohne-Rassismus.org ) zu werden. Aber auch hier ist stetes Hinterhersein gefragt, immer am Ball bleiben. Maßnahmen und Aktionen mit dem Ziel des positiven Erlebens von Gleichwertigkeit durchzuführen ist eine zentrale pädagogische Aufgabe.

„Die Forderung, daß Auschwitz nicht noch einmal sei, ist die allererste an Erziehung.“
(..) „Spreche ich von der Erziehung nach Auschwitz, so meine ich zwei Bereiche: einmal Erziehung in der Kindheit, zumal der frühen; dann allgemeine Aufklärung, die ein geistiges, kulturelles und gesellschaftliches Klima schafft, das eine Wiederholung nicht zulässt, ein Klima also, in dem die Motive, die zu dem Grauen geführt haben, einigermaßen bewusst werden.“ Theodor W. Adorno

http://www.zeit.de/1993/01/erziehung-nach-auschwitz/komplettansicht

http://www.amadeu-antonio-stiftung.de/w/files/pdfs/broschuere_gmf_2.pdf

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